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2. Deutscher Patiententag
am 8. Juni 2001
"Das Wohl des Patienten als Maßstab zukünftiger Gesundheitsreformen"
Der Deutsche Patiententag ist im besten Sinne ein Marktplatz. Er ermöglicht eine Begegnung von Patienten mit allen an der Gesundheitsversorgung beteiligten maßgeblichen Akteuren. Ziel dieser Begegnung ist das Angebot, eine aktive Mitgestaltung des Patienten im System zu erreichen.
Dazu lud die Leipziger Messe GmbH und die TCC Trans Clinic Consultants GmbH in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V. (BAGH) ein. Gemeinsam mit weiteren Selbsthilfeverbänden, Vertretern der Politik, der Ärzteschaft, der Krankenkassen und Medien, wurde über die Zukunft des deutschen Gesundheitswesen und die Bezahlung der medizinischen Versorgung - vor allem der chronisch kranken Patienten - diskutiert.
2.
Deutscher Patiententag in Leipzig: Bundesweit einzige Plattform im
Gesundheitssystem
Ein hochkarätiger Teilnehmerkreis aus allen Bereichen des Gesundheitswesens gestaltete den 2. Deutschen Patiententages auf dem neuen Messegelände Leipzig. Trotz unterschiedlicher Sichten und Interessenlagen waren sich alle Teilnehmer einig darin, dass diese bundesweit einzigartige Plattform eine bisher weit klaffende Lücke im medizinischen System der Bundesrepublik schließt. Im Vorjahr war in Leipzig der 1. Deutsche Patiententag einberufen worden. Dr. Ekkehart Jecht, Stellvertretender Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte (BAGH), Düsseldorf, dankte der Leipziger Messe und der TCC Trans Clinic Consultants für ihr Engagement bei der Etablierung dieses Forums. Damit hätten chronisch Kranke erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein öffentliches Podium für ihre Belange. Nun müsse dies dringend zu einer dauerhaften Institution werden.
Der Tenor der Veranstaltung war durchweg kritisch in Bezug auf Defizite im deutschen Gesundheitssystem, das als das zweitteuerste weltweit gilt. “Wir zahlen einen Mercedes, wenn nicht gar einen Rolls Royce, fahren aber nur einen Mittelklassewagen”, bemühte Franz Knieps, Geschäftsführer Politik im AOK-Bundesvorstand, Bonn, ein griffiges Bild, um die starke Schieflage in der Effizienz der Krankenbehandlung zu verdeutlichen. Ein erheblicher Teil der aufgewandten Mittel werde geradezu verschwendet, weil vorher keine klare Bewertung stattfinde, welcher konkrete Nutzen daraus entstehe, so Knieps. Nachweislich brächten drei Viertel der ins Gesundheitswesen fließenden Gelder für die Patienten keinen Gewinn, und selbst das restliche Viertel werde zum allergrößten Teil durch diagnostische, nicht aber therapeutische Maßnahmen aufgezehrt.
Die schwäbische Bundestagsabgeordnete Marga Elser (SPD), Mitglied im Gesundheitsausschuss und im Finanzausschuss, rügte, im Gesundheitswesen gäbe es “nichts Gutes, das man nicht im Interesse der Menschen noch verbessern kann”. Vor allem in der Prävention habe Deutschland ein Dezifit, das sich nicht zuletzt durch die Stärkung der Patientenmitsprache beheben lasse. Die Politikerin kündigte an, in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium würden auch weitere Maßnahmen für eine bessere juristische Stellung Kranker gegenüber Ärzten und medizinischen Einrichtungen auf den Weg gebracht.
Die Veranstaltung, moderiert von der MDR-Journalistin Dr. Franziska Rubin (“Hauptsache gesund!”), bezog ihren Gewinn spürbar aus einer lebhaften Beteiligung des Publikums. Vertreter von Selbsthilfegruppen regten beispielsweise an, dass dem Staat die Aufwendungen für das Gesundheitswesen wesentlicher billiger kämen, würden zuvor Betroffenenverbände mit ihrem breitem Erfahrungsschatz konsultiert. Unverständnis erzeuge auch das Prinzip, dass medizinische Betreuung stets die Kostenfrage als ersten Bezugspunkt nähme, statt das tatsächliche Wohl des Patienten.
Auf einen Widersinn verwies Professor Dr. Gerhard Englert aus Frankfurt/Main, Sprecher des Forums chronisch kranker und behinderter Menschen im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Entgegen anderen gesellschaftlichen Bereichen gelte hier nicht das Prinzip: “Wer bezahlt, der bestimmt.” Obwohl das medizinische System von den Beiträgen Zwangsversicherter getragen werde, hätten an wichtigen Schalthebeln Leute das Sagen, die sich überhaupt nicht an dieser Finanzierung beteiligten. Eindringlich plädierte er dafür, die “dschungelähnlichen Strukturen” im Gesundheitswesen für die zahlreichen Selbsthilfegruppen transparenter zu machen, um damit ihre dringend erforderliche Mitarbeit zu erleichtern. Nötig sei auch eine deutliche rechtliche und finanzielle Besserstellung der ehrenamtlichen Patientenselbsthilfe. Zu oft hänge das Gelingen ihrer Arbeit einzig vom guten Willen einzelner Ärzte oder Kassenvertreter ab.
AOK-Geschäftsführer Knieps erinnerte daran, dass es sich beim Gesundheitswesen zugleich um den größten deutschen Wirtschaftszweig handelt: Jährlich würden hier 500 bis 600 Milliarden Mark umgesetzt. Darin liege für Patienten wie für Selbsthilfegruppen zugleich eine wesentliche Chance, gab er zu bedenken. Denn auf diesem Markt seien sie zugleich Kunden, um deren Gunst von vielen Seiten geworben werde. Daraus entstünde ein wesentlicher Hebel zur Stärkung ihrer Mitspracherechte.
Auch Dr. Jecht verwies auf Befragungen, wonach zunehmend mehr Selbsthilfegruppen das bisherige Patient-Arzt-Verhältnis unter dem Aspekt marktwirtschaftlicher Ethik in ein Kunde-Verkäufer-Verhältnis umwandeln möchten. Das wirke entängstigend und respektiere sie stärker als Partner, “zumindest als Juniorpartner”, versicherte er. Mithin sollten sich Ärzte und Krankenhäuser perspektivisch eher als Dienstleister sehen.
Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Ursula Auerswald aus Bremen, signalisierte Sympathien für einen deutlich partnerschaftlicheren Umgang zwischen Medizinern und Patienten. Nach ihrer praktischen Erfahrung müssten Betroffene künftig selbst an der Entwicklung neuer Behandlungsleitlinien für ihre Krankheiten stärker beteiligt werden. Unterstützung versprach sie den Selbsthilfegruppen auch für seriösere Patienteninformationen im Internet. Denn selbst für Eingeweihte sei oft schwer erkennbar, wer diese Informationen aus bestimmten Interessenlagen heraus steuert.
Auszüge
aus den Grußworten von:
Dr. Ursula Engelen-Kefer
stellvertretende
Vorsitzende des
Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB),
Berlin
„Die
positive Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesens im Sinne einer Erhöhung
der Versorgungsqualität und der besseren Vernetzung der einzelnen
Versorgungsbereiche kann nur gemeinsam mit den Patienten und ihren Angehörigen
erfolgen.“
Präses Manfred Kock
Ratsvorsitzender
der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Hannover
„In
Deutschland ist erfreulicherweise seit einigen Jahren eine lebhafte Diskussion
um ethische Fragen in der Medizin und im Gesundheitswesen aufgebrochen. Und
immer intensiver kommt im Rahmen dieser Diskussion auch eine Debatte über die
Rolle des Patienten im Gesundheitswesen und seine Rechte in Gang.“
Karl Kardinal Lehmann
Bischof von Mainz,
Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz,
Bonn
„Es
braucht viele engagierte und selbstbewusste Menschen, um das Leben in allen
Phasen und Entwicklungen in seiner Würde, seiner Freiheit und seinem Wohl zu
schützen und zu bewahren. Fast ebenso nötig sind heute aber auch Vernetzung
und Dialog der Menschen und Institutionen, die sich für kranke und behinderte
Menschen engagieren.“
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